Miri Shalini Stoll, DAAD-Lektor in German, provides a reflection on her multicultural identity and her experience as a German-Sri Lankan in Liverpool

,,Where are you from?“ ist wahrscheinlich die Frage, die mir in den letzten Jahren in Liverpool am meisten gestellt wurde.

Diese Frage erzeugt bei mir immer wieder einen inneren Identitätsmonolog.

Geboren in Indien, Vater Rheinländer, Mutter Sri Lankisch, Pubertätsjahre in Südafrika verbracht –  unmittelbar bevor das Apartheitssystem abgeschafft wurde – Abitur und Universität in Deutschland beendet und nun lebe ich seit 3 Jahren in Liverpool.

Diese Orte haben all ihre Fußabdrücke in meiner Identität hinterlassen, haben mich beeinflusst, mich bereichert und vieles gelehrt. Und gewiss habe ich noch Platz für viele weitere Spuren in meinem Leben. Identität ist eben kein rigides Konstrukt, sondern durch äußere Umstände und Umgebungen jederzeit veränder- und beeinflussbar.

Doch selbstverständlich erspare ich den Leuten diese Erklärung und antworte mit einem einfachen „I am German- Sri Lankan.“ – und Schluss.

Seit ich in Liverpool wohne, hat sich mein persönlicher Identitätsmonolog stark verkompliziert.

Sobald ich ‚German-Sri Lankan‘ antworte, bekomme ich verschiedene Reaktionen.

Die meisten Leute löschen das ‚sri lankische‘ in meiner Antwort und zählen mir eine Reihe von Stereotypen auf, die sie mit ‚deutsch sein‘ verbinden: „German, aaah, great football, great beer and great cars you’ve got there… our washing machine is German!”

Manchmal folgt auf meine Antwort auch einfach ein erstauntes: „Geeeerman? Reaaaaally? But you don’t look like a German”. Mag daran liegen, dass ich ausgerechnet an den Tagen vergessen hatte meine Lederhose anzuziehen. Dies sind die freundlichen Reaktionen, auf die höflicher Small Talk folgt.

An grauen Tagen bekomme ich ein „Ooooh, heil Hitler!“ ins Gesicht geknallt – gefolgt von einem hysterischen Lachen. Es sind sehr unangenehme Momente, in denen ich gerne im Erdboden versinken möchte, unter der Last des ‚kulturellen Erbes‘, das in diesen Momenten stark auf den Schultern liegt. Es ist ein Gefühl, dass ich erst kenne, seitdem ich in Liverpool wohne. Nie zuvor wurde ich so oft mit Hitler konfrontiert und hatte jedesmal das Gefühl, ich müsste das Bild eines Landes retten und zeigen, dass ‚mein persönliches Deutschlandbild‘ weit mehr ist, als eine Geschichte des Nationalsozialismus, die ich teils nur aus Schule und Literatur, mehr noch aus den Erzählungen meines Vaters kenne, der in dieser Ära selbst noch ein Kind war. (Abgesehen davon, dass meine Großmutter keine Anhängerin des Nationalsozialismus war und mit ernsten Drohungen rechnen musste, weil sie ihre Kinder nicht zur Hitlerjugend schicken wollte und sich weigerte, den Hitlergruß zu erwidern).

Mit der Zeit entsteht somit eine Art Identitätskrise, geprägt durch negative Bilder von Außenstehenden. Außenstehende, die es tatsächlich fertigbringen bringen, in diesem Moment an meinem Identitätsgefühl zu rütteln.

Jeder, der längere Zeit im Ausland verbracht hat, wird das Gefühl kennen:

Man wird nach der Herkunft gefragt, antwortet und empfängt als Reaktion einen schweren Koffer voller stereotyper Gedanken über das genannte Herkunftsland, welcher, je länger man im Ausland wohnt, das eigene Identitätsbild stark beeinflussen und ggf. verändern kann. Bei Deutschen ist das eben eine Aufzählung diverser technischer Errungenschaften, Aufzählungen von Bier-, Auto- und Elektromarken, Dichter, Denker, Fußballspielern und dann eben leider auch das ‚H-Wort‘, ‘der ‚du weißt schon wer’- in Harry Potter-Sprache.

Inzwischen habe ich verstanden, dass das Bild, welches Länder voneinander haben, eng mit deren politischen und kulturellen Traditionen verknüpft und tief verwurzelt ist. In England ist diese Vorstellung eben stark an den Nationalsozialismus gekoppelt, was sich nicht nur am britischen Schulcurriculum des Faches Geschichte zeigt, (nach dem Motto ,Hitler sells‘), sondern auch an den Schlagzeilen der Presse, insbesondere bei Fußballspielen, wo häufig solch finstere Begriffe wie ‚Blitzkrieg‘ oder ‚German Tank‘ auftauchen. Es scheint gar wie eine stille Faszination und Besessenheit, die von diesem längst überwunden geglaubten Geschichtsbild ausgeht. Wie ein Pilz, der immer und immer wieder aus dem Boden wächst und nicht beseitigt werden kann, sobald man sich als Deutsche(r) zu erkennen gibt.

Trotz der bestehenden Widerstände bleibt als wichtigste europäische Errungenschaft festzuhalten, dass wir seit über 60 Jahren den Frieden bewahrt haben und Kriege innerhalb Europas der Vergangenheit angehören. Darum wird es Zeit, gegenseitige Vorurteile abzubauen und uns um eine bessere Verständigung miteinander zu bemühen

Bitte versteht mich nicht falsch, diese Erfahrungen haben zwar Spuren hinterlassen, mich letztlich aber nicht entmutigt, denn ich habe mich in Liverpool sehr gut eingelebt und genügend freundschaftliche Begegnungen erlebt. Auch die Erfahrungen in Liverpool haben inzwischen bereits einen Fußabdruck in meinem Identitätskonstrukt hinterlassen.

Nicht zuletzt siegt auch immer der mir angeborene rheinische Humor. Bei der nächsten Frage nach meiner Herkunft werde ich sicherheitshalber antworten: ,,I am Sri Lankan!“ Als Antwort bekomme ich dann zu hören: “Oh I love Indian Curry!“

This blog entry is one of several written by the language staff of the University of Liverpool to celebrate Multilingual Blogging Day. Read the other blog entries in Spanish, Catalan, Basque French, Italian and Portuguese here.

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